Stimmungsschwankungen im Grunewald

Stimmungsschwankungen im Grunewald

Heute soll es um Aussicht gehen. Um die Weite, in die der Blick schweifen und die Seele baumeln kann, um den Raum, der den Geist so ergreifend gewaltig auszufüllen vermag. Aus diesen Gründen bin ich ein ausgesprochener Fan von Aussicht, weshalb ich permanent auf der Suche nach ihr bin. Der Grunewald zu Berlin bietet hier einige Möglichkeiten. Auf Empfehlung von Manne Reschkes „Wanderungen durch Brandenburg“ beschloss ich, mich ihnen vom S-Bahnhof Nikolassee aus über den südlichen Teil des Havelhöhenwegs zu nähern. „Der wohl schönste Weg, den der Grunewald zu bieten hat, und einer der attraktivsten, die es entlang der gesamten Havel überhaupt gibt“, so rührt Reschke in seiner unnachahmlichen Art die Werbetrommel.

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Und in der Tat: Der Havelhöhenweg macht schwer was her. Einst vom Schwergewicht preußischer Landschaftsarchitektur Lenné himself erdacht führt er, mit einem lustigen, manchmal aber recht schwer auszumachenden blau-gelb-grünen Windrad-Zeichen markiert, am westlichen Rand des Teltow-Plateaus entlang. An diesem Tage bot das Wetter beste Sichtbedingungen, und da sich der Grunewald in Richtung Havelufer immer wieder lichtete, konnte ich ein ums andere Mal die von allerlei Segelvolk befahrene Wasserlandschaft bestaunen. Hervorgehoben sei hier das tatsächlich so betitelte „Große Fenster“ an der Großen Steinlanke, von dem aus, nomen est omen, sich selbst mit dem kilometerweit entfernten Spandau Sichtkontakt herstellen lässt.

Daneben machte auch die ansässige Fauna auf sich aufmerksam: Mistkäfer und Ameisen, die gemeinsam um die Wette rannten, der Buntspecht, der die Äste der Robinien und Kiefern mit etwas „Tock, tock“ bearbeitete, und eng umschlungene sowie wild knutschende Liebespaare, die zum Glück noch Hemd und Hose am Leibe trugen. Puh.

Foto0043 225x300 Stimmungsschwankungen im GrunewaldEnttäuschungen eines Naivlings

Weiter schlängelte sich der Weg, hinauf auf sanfte Hügel, hinab in kleine Täler, beide vor Zehntausenden von Jahren im Zuge der Weichseleiszeit entstanden. Nach Passieren der „Lieper Bucht“, wo ein paar Großstädter und eine Schwanengruppe in friedlichster Koexistenz in der Sonne dösten, hielt ich mich schließlich rechts, um zum Grunewaldturm zu gelangen, der aufgrund der Tatsache, dass er eben ein Turm ist, eine enorme Aussichtsqualität versprach. Dass der Genuss derselben natürlich nicht für lau zu haben ist, traf mich, den alten Naivling, dann aber völlig unvorbereitet. Drei Euro kostete der Aufstieg auf das wuchtige Backstein-Bauwerk. Zwar hatte ich noch einige Pimperlinge im Portmonnaie, musste diese aber für die Rückfahrkarte vorhalten. Scheiße!

Ein wenig beruhigte sich mein Gemüt angesichts der Tatsache, dass mich meine Wanderei noch zum Teufelsberg führen sollte, ebenfalls ein Aussichtspunkt alleroberster Kajüte. So nahm ich denn im am Grunewaldturm ansässigen Biergarten ein Käffchen ein, umflirrt von den lautstarken Gesprächen meiner bayrischen Tischnachbarn, und erhaschte durch eine recht resolut freigehackte Schneise im örtlichen Baumbestand wenigstens einen Teil des wahrscheinlich phänomenalen Ausblickspotentials. Derart neu motiviert sagte ich dem Havelhöhenweg für’s Erste “Goodbye” und schlug mich gen Osten in den tiefen Wald.

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Auf verschlungenen und mal so überhaupt nicht gut markierten Wegen gelangte ich schließlich zum Teufelssee, an deren Ufern mir die Genitalien der anwesenden FKK-Badegästen entgegenprangten. Glücklicherweise bot die über dem Waldessaum aufragende Kuppel der verrotteten Abhöranlage auf dem Teufelsberg Ablenkung. Nach dem kurzen, aber steilen Aufstieg auf die mit etwa 115 höchste Erhebung Berlins ereilte mich völlig uninformierten Möchtegern-Hiker eine erneute Enttäuschung: Das Gelände ist privat, umzäunt und nur gegen fünf Glocken Eintritt zu betreten. „Wir kultivieren das hier und brauchen Geld“, sagte der Kassierer, der laut eigener Aussage im Auftrag der AG Berlin Sight Out sowie der Investorengemeinschaft Teufelsberg GmbH unter einem Sonnenschirm den Eingang bewachte. Von Kultivierung war hier aber noch nichts zu sehen, die direkt anliegenden Gebäude machten jedenfalls einen übelst schrottigen Eindruck. In der Tat müsse man, so der Kassierer, nach Entrichtung der Eintrittsgebühr eine Erklärung unterschreiben, wonach man bei etwaigen Unfällen auf jegliche Regressansprüche verzichtet. Ob dieses reichlich dreisten Verwertungsmodells trollte ich mich lieber und verspürte im Gegensatz zu den umherstreunenden Hipster-Touristen auch keine Lust mehr, mir an anderer Stelle durch eins der Löcher im Zaun kostenlosen Zugang zu verschaffen. Noch mal Scheiße!

Erlösung auf dem Drachenberg

Einen frustriert und mit Flüchen gespickten Abstieg später plötzlich eine Erscheinung: Nordöstlich vom Berg tauchte eine mit allerlei Gräsern bewachsene Hochfläche auf. Le Drachenberg! Auf allen vieren kämpfte ich mich hinauf und war erlöst – in der sich senkenden Abendsonne ergossen sich die so ersehnten unendlichen Weiten endlich im 360°-Panorama. Im Norden war das Olympiastadion zu sehen, in Süden und Westen die Wipfel der Forste Grunewald, Gatow und Düppel, im Osten schließlich der holy Fernsehturm. Zum Niederknien! Folgerichtig ließ ich mich an dieser Statt zu einer kontemplativen Pause nieder. Ließ den Blick schweifen, die Seele baumeln, den Raum den Geist ausfüllen. Versöhnt.

Kategorie:
Tagestour
Länge:
ca. 16 km
Schwierigkeitsgrad:
Ein bissel Kondi nützlich, da einige Höhenmeter zu überwinden
Anfahrt:
S-Bhf Nikolassee (S1, S7), von Norden her S-Bhf. Heerstraße (S5)


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