Hü und Hott in der Heide

Hü und Hott in der Heide

Dallgow-Döberitz ist ein Pferdemekka. Hier gibt es Pferdepensionen, Pferdehöfe, Reitanlagen, Reitervereine, eine Pferdeklinik und zu guter Letzt gar einen Hufschmied, der eigenen Angaben zufolge seit mehr als 40 Jahren für die fachgerechte Besohlung der Rösser Sorge trägt und auch „orthopädische- und Klebebeschläge“ anbietet. Was immer das heißen mag.

Denn ehrlich gesagt mache ich mir nicht wirklich viel aus Pferden. Und doch waren sie einer der Gründe, die mich letztens in die Gegend verschlugen. In der benachbarten Döberitzer Heide, so hatte ich es aufgeschnappt, sollen Przewalski-Pferde leben, die letzten noch existierenden echten Wildpferde dieses Planeten. Außerdem sei die Heide Lebensraum für kapitale Hirsche, mächtige Wisente und überhaupt ein wirklich hübsches Fleckchen Erde. Dieser Verlockung war schwer zu widerstehen.

Verdacht T-Rex

Also schwang ich mich zu einer näheren Inspektion auf meinen Drahtesel und gab ihm die Sporen. Kurz hinter dem Eingang Sperlingshof fädelte ich mich ein auf den 22 Kilometer langen Weg, der die sogenannte Wildniskernzone umrundet. Ein wenig gespenstisch war die Szenerie schon: Ein dreifach gesicherter Drahtzaun, durchbrochen nur von massiven Aluminiumtoren, mitten im Wald. Und dann überall diese Warnschilder: „Von der Fläche können erhebliche Gefahren für Leben und Gesundheit ausgehen!“ Huch, ich dachte, ich sei hier in einem brandenburgischen Idyll unterwegs und nicht im Jurassic Park.

SAM 3138 450x300 Hü und Hott in der HeideTatsächlich ist es nicht der T-Rex, der diese Hinweise notwendig macht. Sicher, hinter den Barrikaden strolchen Kreaturen durchs Unterholz, die einen bei Missfallen durchaus in Grund und Boden stampfen könnten. Man denke nur an einen Wisentbullen in der Brunft. Zugleich verweisen die Tafeln aber auf eine viel hinterhältigere Bedrohung: Munition. Denn in der Heide wurde früher scharf geschossen: Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts fanden hier auf Veranlassung des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. erste Übungsmanöver der preußischen Armee statt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert konfiszierte die Krone das Areal schließlich komplett zugunsten des Militärs, und fast ein Jahrhundert ballerten die Soldaten, was die Magazine hergaben.

Minenfreies Refugium

Seit Anfang der Neunziger Jahre ist das vorbei. Die Bundeswehr hat sich auf einen sehr viel kleineren Übungsplatz im Südosten zurückgezogen, ohne Panzer und Kanonen. Das freut Pazifisten und Naturfreunde gleichermaßen: Zwar hinterließen die Kameraden auf dem Gelände eine Unmenge an scharfer Munition, zugleich entstand auf dem ehemaligen Sperrgebiet ein von Zersiedelung und Landwirtschaft verschontes Refugium, auf dem heute das pralle Leben pulsiert. Etwa 5000 Tier- und Pflanzenarten haben sich hier niedergelassen, so weist es die Heinz-Sielmann-Stiftung aus. Sie hat das kostbare Areal weitgehend vom Militärschrott befreit und in ein Naturschutzgebiet umgewandelt, in dem die Heide nicht mehr wackelt, sondern blüht. Gut is!

Und so radelte ich dann frohen Mutes doch weiter, ein Lied auf den Lippen und dem Schaugehege im Westen entgegen. Denn dass sich Pferd, Hirsch und Wisent in meiner Gegenwart die Ehre geben würden, erschien mir angesichts ihres Rückzugraums recht unsicher: Rund 3.500 Hektar ist die Wildniskernzone und ist damit nur wenig kleiner als Berlin-Mitte. Für drei Euro Eintritt erkaufte ich mir also eine Besichtigungsgarantie und tatsächlich: Nachdem ich auf dem Gelände des Schaugeheges Abenteuerspielplätze, mongolische Jurten und ein Insektenhotel passiert hatte, sah ich Rotwild im Schatten eines Baumes chillen, und bis auf zwei etwas aktivere Exemplare lümmelten sich auch die Wisente faul im Staub. Die Przewalski-Pferdche von nebenan knabberten sich dagegen strebsam über ihre Weide. Ich fand, der Ausflug hatte sich jetzt schon gelohnt.

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Genug hatte ich dennoch nicht. Weiter ging es in Richtung Wüste, einem der Naturrastplätze entlang der Wildniskernzone, wo ich in einem hölzernem Pavillon Schrippe, Keks sowie eine famose Aussicht über die Heide genoss. Frisch gestärkt traten die Beine wieder in die Pedalen, bereit für das zunehmend fies sandige Geläuf. Auf und vor allem ab ging der Weg, so dass ich mit den allerorts umherbrummenden Libellen um die Wette sausen konnte. Kräftig wehte der Fahrtwind um die Nase, vergnügt juchzte das Adrenalin, angestrengt ächzte das Fahrrad. Mächtig auf Touren – und unversehrt – stießen wir beiden Draufgänger alsbald auf den Finkenberg mit seinem schwankenden Aussichtsturm. Rauf da, war doch klar! In 20 Kilometer Luftlinie ragte der Fernsehturm auf, davor die Hochhäuser Spandaus und der Teufelsberg. Alles andere verschluckte der Wald, der in spätsommerlichem Grün bis an den Horizont reichte. Sweeeeeet as!

Verzückt im Pavillon

Noch sweeter war allerdings, was sich dann am ebenfalls äußerst empfehlenswerten Rastplatz Plettenberg tat: Die Przewalskis gaben sich die Ehre! Eine Herde von etwa 15 Tieren streifte doch tatsächlich in der Nähe des Zauns entlang und nahm im hohen Gras das Abendbrot ein.

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Als sie sich längst wieder in den Wald geschlagen hatten, hockte ich noch immer verzückt im Holzpavillon, umgeben nur von der Stille der abendlichen Heide. Breit muss das Grinsen gewesen sein, als ich schließlich dann doch wieder mein Pferdchen sattelte und mich auf den Heimweg machte. Wohlig entspannt und der sich senkenden Abendsonne entgegen.

Kategorie:
Tagestour
Länge:
ca. 26 km incl. Abstecher zum Schaugehege
Schwierigkeitsgrad:
knifflig aufgrund des zum Teil doch sehr sandigen Untergrunds, weswegen geländefähiges Fahrrad von Vorteil
Anfahrt:
5 min vom Bhf. Dallgow-Döberitz (RE, RB)

Projektkarte Wanderwege 313x300 Hü und Hott in der Heide

(Quelle Karte: www.sielmann-stiftung.de, Download hier)

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