In der Düsternis

In der Düsternis

Tongariro ist übel. Eine wüste Vulkanlandschaft mit riesigen Kratern und stinkenden Schwefelseen, kein Wunder, dass Peter Jackson hier Mordor sah. Dabei fing es für uns ganz heiter an: In schönem Sonnenschein machten wir uns auf die Socken für unseren ersten Great Walk in Neuseeland – die Tongariro Northern Circuit. Die Idee war, in Sichtweite von Amon Amarth aka Mount Doom, der in echt Ngaurohoe heißt, Silvester zu feiern. So vorm Zelt, ohne Raketen, dafür aber mit einem Vulkanausbr…äh, nein, doch lieber nicht. Naja, wie dem auch sei:

Das Wetter war wie gesagt Sahne. Im Rücken der gewaltige Ruapehu, vor uns Tongariro himself mit seiner Krone Ngaurohoe. Dort wurde der eine Ring geschmiedet und wieder eingeschmolzen. Hört sich bescheuert an, aber irgendwie hatten wir das doch immer vor Augen.

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Ein Schlachtfeld

Doch nicht nur Tolkien, auch die örtlichen Maori haben coole Geschichten auf Lager: Demnach standen in der Gegend am Lake Taupo einst viel mehr Vulkane herum. Tauhara, Putauaki und Taranaki waren damals noch mit am Start. Sie waren Krieger, ja Halbgötter. Als eines Tages das Vulkanmädchen Pihanga auftauchte, eine in sanft geschwungene Wälder gehüllte Schönheit, kriegten sich die Jungs in die Haare: Eine große Schlacht entbrannte, Lava wurde gespuckt, Asche gepustet, ganze Landstriche verheert. Tongariro triumphierte schließlich und gewann Pihangas Gunst. Die Unterlegenen zogen von dannen in alle Himmelsrichtungen. Der mächtige und aufbrausende Taranaki fuhr ganz nach Westen, wo er heute über den Sonnenuntergang wacht, doch immer Tongariro im Auge, bereit, irgendwann eine Revanche zu fordern. Auch nicht schlecht, oder?

SAM 0893 450x300 In der DüsternisNa, jedenfalls waren wir da jetzt also unterwegs und schlugen schon in Bälde unseren Euri im Mangatepopo Valley auf. Der Ranger hatte schlechte Aussichten. Ja sogar eine ordentliche Packung: Unwetter zögen auf, mit äußerst flotten Windgeschwindigkeiten. Scheiße, dabei wollte ich doch auf den Schicksalsberg! Wir sagten uns voerst aber: It’s just a prediction und bestaunten beim abendlichen Kochen lieber ein Possum-Gerippe, probierten den Vulkanischen Wirbelwind und genossen die Aussicht.

Bescheuerte Ideen und arme Japaner

Am nächsten Morgen zieht dann wirklich was auf. Trotzdem sind eine Menge Leute auf den Beinen. Vor dem Aufstieg zum Red Crater, hinauf über die frühere „Devil’s Staircase“ und die schwarzen Lavaströme von Ngaurohoe, hat sich das Wetter zu einem veritablem Sturm ausgewachsen: Das Wetter peitscht, und wir peitschen uns. Weil: Sollen wir etwa zurückgehen?

SAM 0921 450x300 In der DüsternisEine üble Plackerei später finden wir uns auf einem anderen Planeten wieder. Vor uns plötzlich Sand wie am Meer. Alles ist in dichten Nebel gehüllt, der Regen nässt. Kurzzeitig überlegen wir, hier oben irgendwo an einem geschützten Plätzchen zu campieren. Was für eine bescheuerte Idee.

Also weiter, zum nächsten Anstieg, wo es dann richtig witzig wird: Der Grat ist höllisch schmal, zumindest bei diesen Witterungsverhältnisse. Der Wind brüllt, und Dani haut es einmal um. Eine Gruppe Japaner hockt im Schutz eines Felsbrocken, eine von ihnen hat sich wohl weh getan. Alle sehen mächtig zersaust, aber trotzdem ok aus, so dass wir sie links liegen lassen. Sorry, tut uns jetzt noch leid!

Kurz hinter den im Dunst verschwundenen, aber kolossal müffelnden Emerald Lakes sagt Dani, sie habe gerade richtig Schiss gehabt. Es war wirklich nicht besonders schön. Doch jetzt, wo wir hinabsteigen, da ist es die Sache trotzdem irgendwie wert gewesen. Alles ist noch immer finsterst verhangen, doch ab und zu reißt es auf und wir haben Blick auf ein von Flechten- und Moosenteppichen besprenkeltes Tal. Very nice!

Die vage Hoffnung, es wäre der Auftakt eines ernsthaften Wetterumschwungs, können wir aber flugs begraben. Die Brisen wehen weiter steif, dazu schifft es aus Kannen. Und doch staunen wir Bauklötzer: Wir wandern plötzlich wieder über feinsten Sand, und allerorten ragen düster diese bizarren Formationen aus Vulkangestein auf. Anders kann es auf dem Mond auch nicht aussehen.

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Als wir dann nach einigen Irrungen und Wirrungen an der Oturere Hut auftauchen, sind die Witterungsbedingungen noch immer derart mies, dass wir beschließen, unsere eigentlich geplante Zeltung zugunsten eines trockeneren Plätzchens aufzugeben. Drinnen in der Hütte am warmen Ofen, über dem allerlei Textilien vor sich hin tropen, schnattern wir ein wenig mit anderen durchgeweichten Gestalten, um alsbald von unseren zum Glück halbwegs trockenenen Schlafsäcken aus zuzuhören, wie die Böen das knarzende Gebälk bearbeiten.

Die überflüssige Sektpulle

Am nächsten Morgen ist es, natürlich, nicht wirklich besser. Noch immer hängen die Wolken dick über der Landschaft, und ein paar Minuten nach unserem Aufbruch sind wir wieder nass bis auf die Knochen. Eine öde Kieselsteinwüste lang ertragen wir das Wasser von oben, von vorne, von hinten, von links oder rechts. Schließlich Linderung: Wir treten ein in einen Wald aus Bergbuchen, in dem wenigstens der Wind nicht mehr so ins Gesichte peitscht.

Einen Auf- und Abstieg später dann das Spiel vom Vortag: Lieber doch ein Platz in der Hütte denn im Zelt und mühsames Trocknen der reichlich humiden Ausrüstung. Und wieder hat der Ranger Erfreuliches mitzuteilen. Es droht weiteres Unheil in Form eines ausgewachsenen Gewitters. Und so kommt, an diesem 30. Dezember, dann doch der Moment, wo wir es einsehen müssen: Die Silvesterparty hier im Tongariro unter freiem Himmel, die können wir knicken. Schön, dass wir die ganze Zeit diese mordsmäßig schwere Sektpulle mit uns rumgeschleppt haben.

Feuchte Zigarettenpause an den Taranaki Falls

Und trotzdem: Mit der Gewissheit läuft es sich am folgenden Tag irgendwie leichter. Es schifft wie angekündigt Hunde und Katzen, doch wir reißen die 14 Kilometer dieser letzten Etappe der Circuit recht fix herunter. Es geht durch schönste Heide, und als wir wieder geringere Höhen erreichen, zeigt sich hin und wieder sogar ein Fetzen blauer Himmel. Nicht zu fassen. In den Bergen freilich toben noch immer die Unwetter, wenn überhaupt ist nur schemenhaft etwas von ihnen zu sehen, und kräftige Güsse lassen uns ein ums andere Mal spüren, dass jegliche Vorfreude auf Sonnenschein bar jeder Vernunft ist.

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Trotzdem spüre ich plötzlich die Muße, mir einen Abstecher zu den wirklich schönen Tama Lakes zu gönnen. Ich treffe Dani später an den Taranaki Falls wieder, und nach einer feuchten Zigarettenpause spazieren wir die letzten Meter gemeinsam, um das neue Jahr dann nun doch nicht in Mordor, sondern mit unseren Kumpels in der weitaus beschaulicheren Hawkes Bay zu begrüßen.

Doch drei Tage Dauerregen hin, drei Tage Sturmtief her: Wir kommen nicht umhin zu resümieren, dass wir soeben einen außerordentlich krassen Hike hinter uns haben, der selbst unter diesen Bedingungen meistens mächtig gewaltig daherkam. Ein Great Walk, indeed!

Und trotzdem schlägt da natürlich eine Sehnsucht in unserer Brust: Wie gerne, ach, wie gerne würden wir ihn mal bei schönem Wetter gehen. Denn dann geräte der üble Tongariro sicherlich endgültig zur übelsten Kanone…

Kategorie:
Mehrtagestour
Länge:
48 Kilometer
Schwierigkeit:
zum Teil ziemlich hart, vor allem am Red Crater und noch mehr eben bei Schietwetter
Anfahrt:
über die State Highways 47 und 48 bis nach Whakapapa Village, natürlich auch mit Busshuttle möglich

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(Quelle Karte: tripwisenewzealand.com)

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