Das Reich der Ochsen

Das Reich der Ochsen

Mein Besuch des Dovrefjell liegt schon einige Jahre zurück. Und doch sind die Erlebnisse dort noch reichlich präsent. Ich erinnere mich noch, wie ich damals aus der Bibliothek diesen schon etwas betagten Wälzer über Norwegens Nationalparks nach Hause schleppte, anschließend, gemütlich im Bette liegend, in der Schwarte schmökerte und angesichts der Schwarz-Weiß-Fotos hin und wieder nach Atem rang. Doch es waren letztlich nicht Jotunheimen, die Hardangervidda oder die Rondane, die meine Aufmerksamkeit fesselten, sondern ein Fleckchen, das nach meiner Wahrnehmung ein wenig im Schatten jener Überspots stand und steht: Das Dovrefjell. Es sei, so stand es in dem Wälzer geschrieben, Heimat von Moschusochsen, Rentieren, Wildpferden und Steinadlern. Wow! In seinem Zentrum throne zudem die Snøhetta, der gewaltigste Berg des Landes außerhalb der Zinnen Jotunheimens. Toll! Diese Tour war gekauft. Drei Weggefährten waren mit am Start und so setzten wir uns mit Zug, Fähre und noch mal Zug gen Norden in Bewegung…

Tag 1: Hilfe, die Moschusochsen!

IMG 0489 400x300 Das Reich der OchsenPuh, was ein Aufstieg! Kurz nach der Ankunft am Winz-Bahnhof Kongsvoll kommen wir ordentlich ins Schwitzen. Steil nach oben geht es durch einen knotigen Wald, kein Ende in Sicht. Aber das muss so sein, schließlich heißt Fjell ja auch „Gebirge“ oder „Hochfläche“. Wie lange sind wir nun schon unterwegs? Ein oder zwei Stunden? Keine Ahnung, und das fette Bündel auf dem Rücken trübt die Zeiteinschätzung zusätzlich. Außerdem halte ich ständig nach Moschusochsen Ausschau. Wer weiß, ob die nicht hier gerade durchs Unterholz streifen. Man solle sich ihnen nicht weniger als 100 Meter weit nähern, hatte ich gelesen. Sie könnten bei gefühlter Bedrohung zum Angriff übergehen und seien dann trotz ihres trägen Aussehens extrem flink auf den Beinen. Eine Kollision mit so einem Brocken müsste sich dann in etwa so anfühlen, als laufe man vor einen Kleinlaster mit Hörnern. Nicht gut.

Doch zunächst von den Tierchen keine Spur, und als wir schließlich unvermittelt die Baumgrenze erreichen, bleibt uns die Spucke weg: Weit, so weit geht der Blick, über die endlos scheinende karge Heide, um in der Ferne am Gipfel der Snøhetta kleben zu bleiben. Ein Wahnsinn!

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Weiter spuren wir, es pfeift ein hübsches Lüftchen, und alsbald halten wir an den Wassern der gurgelnden Kaldvella Ausschau für ein Nachtlager. Ein sandiges und sehr ebenes Plätzchen an einer Bachschleife lockt uns, die Zelte aufzustellen. Fast sind wir schon am Ab- und Ausladen, da erspähen wir ihn: Keine zweihundert Meter entfernt lümmelt sich ein Moschusochse im Gestrüpp. Wildlife, wie geil! Und, siehe oben, wie schaurig zugleich. Der Dicke macht keinerlei Anstalten, einen Abgang zu machen. Wieso sollte er auch, schließlich ist das seine Hood. Wir suchen, nach einem Gang durch die arschkalte Kaldvella, am anderen Ufer, doch das hätten wir uns sparen können, denn auch dort chillen zwei der Brummer im Heidekraut.

Ich oute mich als Angsthase, Pfeffernase und bestehe darauf, dass wir wieder ein wenig in den Hang zurücksteigen. Als die Zelte stehen und die Kocher brodeln, ist es einfach nur gigantisch, hier zu sein.

Tag 3: Carcassone und ein Tal zu Füßen

Fitz geht’s schlecht. Irgendwie hat er das Frühstück nicht vertragen. So brechen wir erst spät auf, erstes Ziel ist die Hütte Reinheim am Fuße der Snøhetta. Auf unserem Weg passieren wir grasende Moschusochsen, die selbst mir Schisser inzwischen so vertraut erscheinen, dass ich ruhig klopfenden Herzens an ihnen vorbei spaziere. Die Rentiere dagegen sind neu. Eine ganze Herde sucht, sobald unserer Gegenwart gewahr, hektisch das Weite. An die hundert Tiere dürften es schon sein, die da über Stock und Stein Fersengeld geben. Sorry, Jungs und Mädels, war echt keine Absicht!

IMG 0624 400x300 Das Reich der OchsenIn Reinheim ist es dann schon früher Nachmittag. Das Schmelzwasser der umliegenden Berge hat den Stropla-Bach eingefärbt. Kalt und milchig rauscht er unter der kleinen Brücke hindurch, die den Weg zur Snøhetta weist. Das Wetter ist prächtig, bis auf eine kleine Wolke am Gipfel liegt der Berg frei, uns jucken die Kletterfüße. Wenn es bloß nicht schon so spät wäre! Schließlich soll allein der Aufstieg vier bis fünf Stunden dauern. „Morgen wird das Wetter noch besser“, sagt der Typ aus Trondheim, den wir an der Hütte nach den Aussichten fragen. Wir vertrauen ihm aufgrund seines Lokalkolorits, und so sei Fitz und seinem Unwohlsein ein wenig Ruhe gegönnt.

Wir übrigen drei checken die Gegend aus und finden ein extrem optisches Fleckchen weiter oben im Berg mit Blick über das soeben abgewanderte Tal. Als wir zurück kommen, finden wir ein breites Grinsen in Fitz’ Gesicht vor – das Frühstück wurde offenbar endlich verdaut. Gemeinsam kraxeln wir zurück zum Lagerplatz, zocken eine Runde Carcassone und klettern abends auf den nahen Kaskaden eines namenlosen Baches umher, der sich weiter unten mit dem Stropla vereinigt. Über der Snøhetta, noch immer von der kleinen Wolke gekrönt, geht der Mond auf. Und es ist wieder einfach nur gigantisch.

Tag 4: Kleine Wolke wird zu Nebelmonster

Wir hätten es wissen müssen: Vertraue nie einer Wettervorhersage, wenn Du in den Bergen bist! Als wir in aller Herrgottsfrühe aus den Zelten kriechen, kann von freier Sicht keine Rede sein. Die kleine Wolke von gestern ist zu einem Nebelungetüm oberster Kajüte angeschwollen, und wir können fast froh sein, noch unsere Füße zu sehen. Tolle Wurst!

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Umzukehren haben wir aber auch mal gar keinen Bock, so dass wir, auf Besserung der Wetterlage hoffend, die Unternehmung Gipfelsturm in Angriff nehmen. Es ist eine echte Plackerei: Wieder und wieder stemmen wir uns und unsere zig Kilo Gepäck monströse Felsbrocken hinauf. Das Gestein ist glitschig von der Feuchtigkeit, der Nebel macht keinerlei Anstalten, sich zu lichten. Immer wieder fliegen einheimische Hiker mit ihren Tagesrucksäcken an uns vorbei und verschwinden Augenblicke später im dicken Dunst.

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Wir schinden uns vorwärts, immer den nur schwach auszumachenden roten Wegweiserstangen hinterher. Keine Aussicht lindert die schmerzenden Schultern, kein Sonnenstrahl wärmt das angestrengte Gemüt. Plötzlich der Gipfel: Von der Umgebung sehen wir hier oben, 2.286 Meter über Null, mal so überhaupt nichts. Trotzdem sind wir schon stolz, uns und unsere Riesenbabys hier hochgewuchtet zu haben.

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Doch das Wichtigste ist ja nicht, auf einen Gipfel zu kommen, sondern auch wieder herunter, wie schon Sir Edmund Hillary sehr weise sagte. Und da poltern wir auch schon abwärts: Die Felsbrocken sind nicht weniger groß als die auf der anderen Seite, nur das wir sie nun nicht hinauf, sondern eben irgendwie hinunter müssen. Besonders übel erwischt es Musch, der sich hier die wohl schlimmsten blauen Flecke seines Lebens holt.

Als wir schließlich die Wolkendecke durchbrechen, endlich Belohnung: Kinnladenklappend archaisch ist der Anblick der finster umwaberten Massive des östlich gelegenen Larseggen. Vor uns, in der Ferne, am Ufer des Åmotsvatnet, erspähen wir die Åmotdalshytta – ein echtes Refugium der Zivilisation, das wir nach dem Tag echt nötig haben. Janosch will ob der stolzen Preise erst partout nicht mit, als wir dann aber unser Zimmer bezogen haben und die Küche entern, ist er der erste, der die Baked-Beans-Dosen aus den Regalen klarmacht. Hmm, leckaaaa!

Tag 7: Die Ducks und die Schafe

Relaxtheit hat sich eingestellt. In den vergangenen Tagen haben wir die Seen bebadet, viel Sonne abbekommen und in den Heidewiesen tüchtig abgetobt. Natürlich jederzeit unserer steinerweichend schönen Umgebung angemessen, is klar. Schön beschaulich ist der Weg entlang des Drugshøtjønnin, den Bergteichen in Leirsjøtelet und schließlich am Lauf des Jori. Zunehmend müssen wir unsere Schlafplätze mit Rindviechern und Schafen teilen. Wir lesen lustige Taschenbücher und pfeifen drauf. Beim Gerangel im Fluss verliert Musch sein Shirt. Ab rauscht es den Fluss, adieu! Er wird es nie wieder sehen.

IMG 0933 400x300 Das Reich der OchsenIn Lesja, wo wir erstmals wieder auf eine richtige Ortschaft stoßen, trennen sich schließlich unsere Wege. Fitz muss back home, ein wichtiger Termin, der nicht warten kann. Janosch fährt mit, und so bleiben nur noch der Musch und icke. Wir haben noch ein paar Tage und so schieben wir wieder ab in die Wildnis. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Noch einmal sehen wir die Berge, dämmern bei Regen im Zelt und glauben, des nachts im Wald black-metallisches Gewimmer zu hören. Bad Boys, bad boys, what you gonna do.

Dann sind wir aber auch irgendwie froh, ebenfalls gen Heimat zu tuckern. Nicht, ohne vorher ein monströses Power-Sandwich am Bahnhof zu verdrücken. Und sich vorher noch einmal vor Augen zu führen, dass das unser Hike durch das Dovrefjell, nun, ich sagte es bereits: gigantisch war.

Kategorie:
Mehrtagestour
Länge:
finde grad die Karte nicht mehr, aber an 70 km werden es schon gewesen sein
Schwierigkeitsgrad:
suckt ordentlich, vor allem mit dickem Rucksack
Anreise:
mit dem Auto: E6/E136 von Oslo
mit der Bahn: Linie Drovrebanen bis Kongsvoll
mit dem Bus: via NorWay Bussekspress

Routes in Dovrefjell 470x260 Das Reich der Ochsen

(Quelle Karte: www.norwaves.com)

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